Reisen – eine Kulturfrage

Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.

Ray Bradbury

Text: BRITT WANDHÖFER

Christopher Columbus entdeckte vor über 500 Jahren Amerika. Warum? Weil er neugierig war! Nun war das Reisen für Herrn Columbus bei Weitem beschwerlicher, als es für uns heute ist. Neue Kontinente werden wir wohl nicht mehr entdecken, aber Reisen sorgt dafür, dass wir die Welt mit offenen, wachen Augen sehen und sie so besser verstehen.

Man muss dafür nicht ans Ende der Welt fahren. Man muss einfach reisen, das kann auch die mecklenburgische Seenplatte sein, das ist egal. Man kann die Welt nur verstehen, wenn man seinen Kosmos verlässt und sich auf andere Kulturen einlässt. Reisen hilft bei der Beseitigung von Vorurteilen und Bigotterie.

Wir führen Hunde spazieren, andere Kulturen essen sie. Diese können wiederum nicht verstehen, warum wir Schweinefleisch essen. Es geht beim Reisen darum, andere Kulturen zu akzeptieren und neue Perspektiven ken- nenzulernen. Dadurch realisiert man, dass die eigene Kultur nur eine von vielen auf diesem Planeten ist. Wer sagt, dass es besser ist, Schweine zu essen als Hunde?

Früher verreisten meist nur die Vorstände und Chefetagen, heute schicken Unternehmen ihre Angestellten immer häufiger auf Reisen. Gar nicht so sehr, um Verträge auszuhandeln, sondern um an Konferenzen teilzunehmen, einen Kunden vor Ort zu besuchen oder sich auf irgendeine Art bereichern zu lassen. Man trifft andere Menschen, bricht aus der Jobroutine aus und erweitert so seinen persönlichen Horizont, das passiert automatisch, und daraus können wieder neue Ideen entspringen.

Der österreichische Grafikdesigner und Typograf Stefan Sagmeister beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Glück. Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage: Was kann man tun, um das Glück in seinem Leben zu finden, fand Sagmeister heraus, dass eine Auszeit eine essenzielle Rolle dabei spielt. Alle sieben Jahre macht er sein Office in New York dicht und nimmt sich eine Auszeit. In dieser Zeit sammelt er Inspirationen, die er nach seiner selbsterwählten Pause in kreative Projekte umsetzen kann.

Was fürs Privatleben gilt, gilt auch auch fürs Business

„Die ersten 25 Jahre unseres Lebens sind fürs Lernen vorgesehen. Dann folgen 40 Jahre, die für die Arbeit vorgesehen sind, und dann warten am Ende noch mal 15 Jahre für den Ruhestand. Ich dachte, es könnte hilfreich sein, fünf von diesen Jahren vom Ruhestand ab- zuzweigen und sie zwischen die Arbeitsjahre zu setzen. Das ist natürlich angenehmer für mich. Aber wahrscheinlich noch wichtiger ist, dass die Arbeit, die in diesen Jahren entsteht, wieder zurück in das Unternehmen fließt und der Ge- sellschaft nutzt“, erklärte Stefan Sagmeister auf einem TedTalk 2009. No Input, no Output. Stillstand bedeutet Rückschritt.

Ein Team von Wissenschaftlern der Universität Neuenburg und der Universität Genf in der Schweiz hat sieben Jahre lang den Sonso-Schimpansen im Bu- dongo Forest Reserve, Uganda, studiert. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Reisen den Einsatz von Werkzeugen bei wilden Schimpansen fördern, und es könnte auch eine treibende Kraft in der frühen technologischen Evolution des Menschen gewesen sein“, schreibt Dr. Thibaud Gruber, einer der Autoren der Studie.

Auch die Wissenschaft weiß: Reisen fördert die Intelligenz.

Die in eLife veröffentlichten Ergebnisse der Studie zeigen, dass weitgereiste Schimpansen eher Werkzeuge zur Nahrungssuche einsetzen als andere Artgenossen. Daraus ziehen die Forscher den Schluss, dass Reisen ein Schlüssel bei der Entwicklung neuer Fähig- keiten und der Erweiterung des Geistes ist. Da unsere DNA zu 99 Prozent mit der des Schimpansen übereinstimmt, kann davon ausgegangen werden, dass diese Feststellung auch für den Menschen gilt.

Auch die neurowissenschaftliche Forschung belegt heute immer wieder, dass der Besuch unbekannter Orte und die Kommunikation mit neuen Menschen unser Denken und unseren Horizont positiv beeinflussen. Früher ging die Neuroforschung davon aus, dass sich unser Gehirn nur langsam verändern kann, mittlerweileweiß man, dass sich je nach Impuls sehr viel und schnell und so gar strukturell verändern kann. Man nennt das Spektakel Neuroplastizität des Gehirns. Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu regenerieren, neu zu strukturieren und funktional zu verändern. Neue Vernetzungen entstehen durch Gefühle, Erfahrungen und Austausch. „Aus- landserfahrungen erhöhen unsere kognitive Flexibilität und die Integrationsfähigkeit des Denkens, also das Vermögen, Verbindungen zwischen völlig verschiedenen Dingen herzustellen“, sagt der Sozialpsychologe Adam Galinsky von der Columbia Business School. Wichtig ist allerdings, dass man sich auf die Kultur, die man besucht, auch einlässt. Das Land einfach nur zu besuchen, ist zwar besser, als gar nicht zu verreisen, fördert die Kreativität aber in einem viel geringeren Maße.

Es existieren zahlreiche Studien, die belegen, dass Reisen die Intelligenz fördert, besonders bei Kindern. Ein beeindruckendes Resultat zeigt die Studie von Forscher William W. Maddux, Professor für Organisationsstruktur bei Insead, einer der weltweit größten und renommiertesten Business Schools. Seine Studie untersuchte Master-Studenten, die sich für ein Auslandsstudium entschieden hatten. Er fand heraus, dass diese Studenten eine höhere „integrative Komplexität“ haben, was bedeutet, dass sie unterschiedliche Auffassungen besser wahrnehmen und nachempfinden können. Der Mehrwert des Auslandsauf- enthalts. ■

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